Hughes H-4 „Hercules“: Howard Hughes baute das größte Flugboot der Welt

Die Luftfahrt ist reich an Superlativen. Aber selbst heute, siebzig Jahre nach ihrem ersten und einzigen Flug am 2. November 1947, spielt die Hughes H-4 „Hercules“ oder „Spruce Goose“ in ihrer eigenen Liga.

Hughes H-4: Das größte Flugboot, das jemals gebaut wurde

Angetrieben von acht Sternmotoren von je 3 000 PS, 66, 65 Meter lang, mit einer Spannweite von 97, 50 Metern, lässt es auch moderne Großflugzeuge wie den Airbus A380, die Boeing 747 oder den Militärtransporter Lockheed C-5 „Galaxy“ eher klein aussehen. Es gibt bis heute nur ein einziges Flugzeug mit einer größeren Spannweite, und zu ihrer Zeit stellte die Hughes H-4 alle anderen Konstruktionen in den Schatten.

Der Spitzname „Spruce Goose“ oder „Sperrholz-Gans“ beruht darauf, dass das Flugzeug komplett aus Holz gebaut wurde, allerdings nicht aus Sperrholz, sondern überwiegend aus Birke in Sandwich-Bauweise. Das Flugboot entstand als Reaktion auf die Forderung des US-Kriegsministeriums von 1942 nach einem Flugzeug, das große Lasten über den Atlantik transportieren konnte. Außerdem sollte es nicht aus kriegswichtigen Materialien wie Stahl oder Aluminium hergestellt werden.

Die Hughes H-4 „Hercules“ bei ihrem ersten und einzigen Flug am 2. November 1947. (#1)

Die Hughes H-4 „Hercules“ bei ihrem ersten und einzigen Flug am 2. November 1947. (#1)

Die „Spruce Goose“ sollte Frachtschiffe ersetzen

1942 waren die USA gerade in den Krieg eingetreten. Sie erlitten im Pazifik durch die Japaner große Verluste und mussten hinnehmen, dass ihnen deutsche U-Boote im Nordatlantik ebenfalls zusetzten. Die deutsche U-Boote versenkten hunderte von Handelsschiffen, mit denen die USA ihre eigenen Truppen wie auch das mit ihnen verbündete Großbritannien versorgten.

Die Hughes H-4 sollte nun einen Teil dieser Transportleistungen übernehmen und bei einem Flug entweder 750 voll ausgerüstete Infanteristen oder zwei 30-Tonnen-Panzer oder aber eine vergleichbare Zuladung befördern. Ursprünglich hatte der Schiffsbauer Henry J. Kaiser eine Art flugfähiges Frachtschiff vorgeschlagen. Kaiser selbst baute auf seinen Schiffswerften die so genannten „Liberty“-Schiffe, Frachter, die aus genormten und vorgefertigten Komponenten montiert wurden.

Allerdings fehlte seinem Unternehmen die Expertise für den Flugzeugbau. Also hatte er Howard Hughes und dessen Flugzeugkonstrukteure am Projekt beteiligt. Allerdings verlor er schnell die Geduld mit dem Perfektionismus, den Hughes und sein Chefkonstrukteur Glenn Odekirk an den Tag legten. Denn der führte dazu, dass erst sechzehn Monate nach Auftragserteilung durch das Kriegsministerium mit dem Bau des ersten Prototypen begonnen wurde. Kaiser zog sich 1944 aus dem Projekt zurück.

Video: Dokumentation über die Spruce Goose

Howard Hughes – H-4 Hercules – A.K.A Spruce Goose

Die Hughes H-4 wurde erst nach Ende des 2. Weltkrieges fertig

Mittlerweile hatte sich die Kriegslage zugunsten der USA geändert. Der Auftrag über drei Prototypen wurde auf eine Maschine zusammen gestrichen. Allerdings zogen sich die Arbeiten hin, sodass die H-4 „Spruce Goose“ erst 1947 fertiggestellt wurde.

Beim Bau verwendete Hughes ein Herstellungsverfahren, bei dem die einzelnen Bauteile aus Holz und Harz zusammengepresst wurden. Er musste sich im August 1947 vor dem US-Kongress für die lange Bauzeit und die hohen Kosten von damals 23 Millionen US-Dollar rechtfertigen. Er verwies auf die schiere Größe des Flugzeuges und auf die technologischen Herausforderung, ein derartiges Flugzeug aus Holz zu bauen. Außerdem unterstrich er sein persönliches Engagement in den Bau der H-4; immerhin hatte 16 Millionen Dollar aus eigenen Mitteln in den Bau des Superflugzeugs gesteckt.

Die Hughes H-4, die offiziell „Hercules“ hieß, wurde in Hughes‘ Flugzeugfabrik im heutigen Playa Vista/Los Angeles gebaut, allerdings noch nicht vollständig montiert. Er ließ die einzelnen Komponenten, also die beiden Flügel, den frachtschiffgroßen Rumpf, das Heck sowie eine Reihe kleinerer Komponenten zum Pier E im Hafen von Long Beach transportieren. Dort wurde die Hughes H-4 zunächst montiert und dann ein Hangar um das Flugzeug herum errichtet. Vom Hangartor führte eine Ablaufbahn ins Hafenbecken, über die das Flugboot zu Wasser gelassen werden konnte.

Blick in den voluminösen Hinterrumpf der H-4. Das Flugboot sollte bis zu 750 Soldaten transportieren können. (#2)

Blick in den voluminösen Hinterrumpf der H-4. Das Flugboot sollte bis zu 750 Soldaten transportieren können. (#2)

Die Hughes H-4 fliegt zum ersten und einzigen Mal

Anfang November 1947 kam Hughes nach Long Beach und begann mit den Vorbereitungen für den ersten Flug. Am 2. November 1947 brachten er und sein Copilot Dave Grant die Hughes H-4 zu Wasser und unternahmen zunächst nur Rollversuche, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie sich die H-4 auf dem Wasser und bei höheren Geschwindigkeiten verhielt.

Neben Hughes und Grant waren noch zwei Flugingenieure, 16 Mechaniker, zwei weitere Besatzungsmitglieder, sieben Pressevertreter und sieben Gäste aus der Luftfahrtindustrie an Bord – insgesamt 36 Personen.

Beim dritten Versuchslauf ließ Hughes die „Spruce Goose“ abheben. Das Flugboot blieb für 26 Sekunden in der Luft, erreichte eine Höhe von 21 Metern und flog dabei etwa 1, 6 Kilometer weit. Damit hatte der exzentrische Milliardär allen Zweiflern den Wind aus den Segeln genommen, die behauptet hatten, die Hughes H-4 sei nicht flugfähig.

Allerdings blieb es bei diesem kurzen Hüpfer. Niemand brauchte ein so großes Flugboot. Die Hauptlast des wachsenden Nachkriegsluftverkehrs trugen wesentlich kleinere Flugzeuge, während für die Nachschubbedürfnisse der US-Streitkräfte in Übersee auch von Schiffen gedeckt wurden. So traf die Hughes H-4 „Hercules“ dasselbe Schicksal wie andere Großflugzeuge der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie wurde abgestellt.

Allerdings hielt Howard Hughes daran fest, dass man die „Spruce Goose“ irgendwann wieder brauchen würde und ließ sie bis zu seinem Tod 1976 in flugfähigem Zustand erhalten.

Video: Originalaufnahmen von Howard Hughes

COLOR FOOTAGE OF HOWARD HUGHES‘ SPRUCE GOOSE FLIGHT 1947 34620

Wohin mit dem Riesen – Streit um die Hughes H-4

In Hughes letzten Lebensjahren hatte es juristischen Streit um den Verbleib der H-4 gegeben in dem die US-Regierung geltend machte, dass sie das Flugzeug immerhin bestellt und überwiegend auch bezahlt hatte. Am Ende erhielt das National Air and Space Museum Hughes‘ H-1-Rennflugzeug, während die Summa Corporation, in der Hughes seine verschiedenen Unternehmen zusammen gefasst hatte, gegen eine Zahlung von 700 000 Dollar das Flugzeug bekam.

1980 kaufte der Aero Club of Southern California das Flugzeug, um es in einem Rundbau neben der „Queen Mary“ im Hafen von Long Beach auszustellen. 1989 kaufte ausgerechnet Walt Disney das Gelände, um dort den Vergnügungspark „Port Disney“ zu errichten. Allerdings bekam die Welt von „Port Disney“ nie mehr zu sehen als bunte Bilder in Werbebroschüren. Als Disney mit seinem Vorhaben endgültig gescheitert war, teilte der Unterhaltungskonzern dem Aero Club mit, dass für die Hughes H-4 in Long Beach kein Platz mehr war. 1992 musste der Club die „Spruce Goose“ verkaufen.

Eine mehrjährige Hängepartie folgte, bis im Evergreen Aviation Museum in McMinnville nahe Portland/Oregon eine neue Heimat gefunden war. Seit Februar 1993 ist die H-4 nun dort zu sehen.

Das Cockpit der Hughes H-4 „Spruce Goose“. (#3)

Das Cockpit der Hughes H-4 „Spruce Goose“. (#3)

Die „Spruce Goose“ wird erprobt – im Simulator

Unter Luftfahrt-Experten ist bis heute umstritten, ob der Riese tatsächlich erfolgreich geflogen und die vorgesehenen Flugleistungen erreicht hätte. Denn während des kurzen Luftsprungs im Hafen von Long Beach hatte sich die Hughes H-4 nicht aus dem so genannten Bodeneffekt herausbewegt.

Dieser entsteht in Bodennähe, weil sich die Luft zwischen den Tragflächen eines extrem niedrig fliegenden Flugzeugen und dem Boden oder der überflogenen Wasserfläche staut. Ein Luftpolster entsteht, auf dem speziell konstruierte Fluggeräte sogar gleiten können. Normalerweise bedeutet der Bodeneffekt für startende oder landende Flugzeuge ein Risiko, aber ein geschickter Pilot kann ihn auch nutzen, um länger in der Luft zu bleiben. Während des 2. Weltkrieges haben Flieger diesen Effekt immer wieder genutzt, um auf langen Flügen über See Treibstoff zu sparen.

Wissenschaftler der britischen Universität Glyndwr untersuchten 2014, ob die Hughes H-4 „Spruce Goose“ wirklich flugfähig war. Sie programmierten einen Flugsimulator mit den Daten des Flugbootes und stiegen zu einer virtuellen Testflugkampagne auf.

Nach ihren Erkenntnissen ist die „Spruce Goose“ tatsächlich flugfähig – allerdings hat sie auch ein paar tückische Eigenschaften. So müssten die Piloten die Tragflächen immer gerade halten, damit das Flugboot nicht ins Trudeln gerät. Zudem ist das Original trotz seiner acht überstarken Sternmotoren wahrscheinlich untermotorisiert.


Bildnachweis: Titelbild: ©Drew Wallner via Wikimedia Commons, – #01: ©FAA via Wikimedia Commons, – #02: ©Benpcc via Wikimedia Commons, – #03: ©Valder137 via Wikimedia Commons

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Über Friedrich List

Mein Beruf ist das Schreiben; ich arbeite als freier Journalist, Texter und Buchautor. Das reicht für Leben und Modellbau, also auch für das eigentliche Leben. Beruflich wie als Modellbauer interessiert mich die Luftfahrt, speziell die der großen Luftfahrtländer. Ich baue auch gerne mal etwas, das aus dem Rahmen fällt. Hauptantriebskräfte: Neugier, Kaffee und ein guter Witz.

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