Deutsche Flieger klopfen an die Schallmauer: Heini Dittmars Rekordflüge mit 1000 km/h

Den ersten Flug mit einfacher Schallgeschwindigkeit, also mit etwa 1200 Kilometern pro Stunde, machte der US-amerikanische Testpilot Charles Yeager mit dem Raketenflugzeug Bell X-1 im Oktober 1947. Aber bereits vor ihm hatten sich Flieger in diesen kritischen Geschwindigkeitsbereich vorgewagt.

Denn die Rekordmarke von 1000 Kilometern pro Stunde war bereits sechs Jahre vorher gefallen. Am 2. Oktober 1941 erreichte Heini Dittmar mit einem Raketenflugzeug vom Typ Messerschmitt Me 163 als erster Pilot überhaupt diese Marke.

Rekordflieger Heini Dittmar

Dittmar hatte sich in den Jahren vor dem Krieg als Segelflieger einen Namen gemacht. So stellte er 1934 in Argentinien mit 4350 Metern einen neuen Höhenweltrekord für Segelflugzeuge auf. Im gleichen Jahr folgte ein Langstreckenweltrekord, und 1936 gelang Dittmar die erste Alpenüberquerung mit einem Segelflugzeug.

Mit der Me 163A V-4 flog Dittmar exakt 1003, 67 km/h schnell, und dieser Rekord hätte ihn fast das Leben gekostet. Denn er stieß mit dem auch „Kraftei“ genannten Flugzeug in fliegerische Bereiche vor, über die nur wenig bekannt war. Aerodynamiker wie Theodor von Karman hatten einige dieser Effekte vorhergesagt. So steigt der Luftwiderstand kurz vor Erreichen der Schallgeschwindigkeit stark an und führt zu starken Vibrationen. Die Steuerwirkung der Ruder lässt nach und kehrt sich sogar um.

Beim Überschreiten der Schallgeschwindigkeit entladen sich diese Spannungen mit einem Knall, und die Ruderwirkung ist wieder normal. Für einen Düsenjäger-Piloten von heute ist dieser Übergang in den Geschwindigkeitsbereich jenseits von Mach 1 Routine. Seine Beherrschung gehört zur Ausbildung.

Video: Me 163A Testing

Mit dem Raketenflugzeug Me 163 in fliegerische Grenzbereiche

Heini Dittmar wußte dagegen über das Fliegen in diesem Grenzbereich so gut wie nichts. Und die Me 163 war für so hohe Geschwindigkeiten auch nicht ausgelegt. Ihr Konstrukteur Alexander Lippisch hatte sie für eine Höchstgeschwindigkeit von 850 km/h entworfen, einen für das Erstflugjahr 1941 beachtlichen Wert.

Weil das Raketentriebwerk zunächst nicht zur Verfügung stand, wurde die Me 163 im Versuchszentrum der Luftwaffe in Peenemünde zunächst als Segler getestet. Das war durchaus sinnvoll, denn das Flugzeug war als Abfangjäger gedacht, der schnell auf seine Einsatzhöhe steigen und dort alliierte Bomber bekämpfen sollte. Der Raketentreibstoff reichte nur für maximal 10 Minuten. Der Jäger musste dann im Gleitflug zum Flugplatz zurückkehren oder schlicht auf einer Wiese landen.

 

Aufnahme der Me 163A V4, mit der Testpilot Heini Dittmar eine Geschwindigkeit von 1003 km/h erreichte. (#01)

Aufnahme der Me 163A V4, mit der Testpilot Heini Dittmar eine Geschwindigkeit von 1003 km/h erreichte. (#01)

Heini Dittmars Rekordflug mit der Me 163

Dittmar erprobte die Me 163 von Anfang an und hatte auch den Vorgänger, das Versuchsflugzeug DFS 194 geflogen. Die DFS 194 war noch eine reine Holzkonstruktion, verfügte aber bereits über einen Raketenantrieb und erreichte Geschwindigkeiten um die 550 km/h. Den ersten angetriebenen Flug mit einer Me 163 machte Dittmar am 8. August 1941. Dittmar erreichte bei den nächsten Flügen dann 840 km/h und im September 1941 sogar 940 km/h. Bei diesem Flug verlor das Flugzeug durch Vibrationen eine Ruderklappe.

Um Treibstoff zu sparen, startete die Me 163 im Schlepp eines zweimotorigen Kampfflugzeugs vom Typ Bf 110. In 4000 Metern Höhe wurde das Raketenflugzeug ausgeklinkt und konnte so schneller und weiter fliegen. Beim historischen Versuchsflug am 2. Oktober setzten wieder die für diesen Geschwindigkeitsbereich typischen Vibrationen ein. Durch sie verlor Dittmar bereits nach wenigen Sekunden die Kontrolle über die Maschine, konnte das Flugzeug aber im letzten Moment abfangen. „Diese so genannten Mach-Erscheinungen“, erinnerte er sich, „die ich als erster Pilot erlebte, waren das erste Anklopfen an die Schallmauer.“

Bei einem zweiten Rekordflug im Juli 1944 kam er sogar noch näher an Mach 1 heran. Er erreichte 1130 km/h, kam also in unmittelbare Nähe der einfachen Schallgeschwindigkeit von 1200 km/h. Erst nach dem Krieg flogen US-amerikanische und sowjetische Versuchsflugzeuge wieder so schnell. Die B-Version der Me 163 kam 1944/45 in geringer Zahl als Abfangjäger zum Einsatz, ohne jedoch große Erfolge zu erzielen.


Bildnachweis:© Titelbild: Bundesarchiv via Wikimedia Commons-#01: Imperial War Museum Sammlung via Wikimedia Commons.

Über Friedrich List

Mein Beruf ist das Schreiben; ich arbeite als freier Journalist, Texter und Buchautor. Das reicht für Leben und Modellbau, also auch für das eigentliche Leben. Beruflich wie als Modellbauer interessiert mich die Luftfahrt, speziell die der großen Luftfahrtländer. Ich baue auch gerne mal etwas, das aus dem Rahmen fällt. Hauptantriebskräfte: Neugier, Kaffee und ein guter Witz.

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