Airbus A350-900 ULR: Langstrecken-Jet in der Erprobung

Große Fluglinien liefern sich gegenwärtig einen Wettbewerb um die längste Nonstop-Verbindung. Das jüngste Mitglied der Airbus-Familie, die Airbus A350-900 ULR ist zur Zeit in der Erprobung und soll den Konkurrenten Boeing angreifen.

Airbus A350-900 ULR für extreme Langstrecken

Im Gespräch sind Direktflüge vom australischen Sidney nach London-Heathrow oder von Singapur nach New York. Zur Zeit hält Qatar Airways mit seiner Direktverbindung zwischen Doha am Persischen Golf und der neuseeländischen Hauptstadt Auckland den Rekord für den längsten Direktflug der Welt.

Airbus neueste A350-Variante, die A350-900 ULR, soll jetzt speziell diese extremen Langstrecken bedienen.

 

Neues Mitglied der Airbus-Familie greift Boeing-Konkurrenz an

Airbus und Boeing konkurrieren darum, für die extremen Langstrecken das passende Flugzeug anzubieten. Airbus setzt auf die langstreckentaugliche A350, Boeing auf Langstreckenversionen seines Boeing 787 „Dreamliners“ und der bewährten Boeing 777. Der neue Airbus A350-900 ULR zielt genau auf diesen Markt.

 

Seit Anfang des Jahres ist die neue Airbus-Version in der Erprobung. Auch einen ersten Käufer für die A350-900 ULR gibt es bereits. Singapore Airlines will mit diesem Flugzeug noch in diesem Jahr seine Direktverbindung zwischen Singapur und New York wiederbeleben. Sie wäre die dann die längste kommerzielle Flugverbindung der Welt. Allerdings dürfte der Flug gerade in der Economy seine Härten haben – er dauert nämlich rund 19 Stunden.

A350-900-Prototypen zu Gast auf der ILA 2018 in Berlin. (#1)

A350-900-Prototypen zu Gast auf der ILA 2018 in Berlin. (#1)

Erstflug für die A350-900 ULR

Die erste A350-900 ULR startete am 23. April von Toulouse aus zu ihrem Jungfernflug. Darauf folgte ein kurzes Testflugprogramm, um die Veränderungen gegenüber der Standard-A350-900 zu zertifizieren.

Diese erhöhen die Reichweite des neuen Flugzeugs auf 9 700 nautische Meilen oder 17 900 Kilometer. Sie umfassen ein modifiziertes Treibstoffsystem, aerodynamische Verbesserungen und vergrößerte Flossen an den Flügelspitzen, die so genannten Winglets. Der Airbus A350-900 ULR kann 24 000 Liter zusätzlichen Jet-Treibstoff an Bord nehmen. Dazu ist kein zusätzlicher Treibstofftank nötig. Stattdessen nutzt man den Flügelmittelkasten als weiteren Tankraum. So soll das neue Mitglied der Airbus-Familie Nonstop-Flüge von bis zu 20 Stunden Dauer durchführen können.

 

Singapore Airlines kauft insgesamt 67 Airbus A350

Die Bestellung durch Singapore Airlines ist Teil eines größeren Auftrags über 67 Airbus A350-Maschinen. Die Flugzeuge werden voraussichtlich mit einer zweigeteilten Kabine für 170 Sitze ausgeliefert. Singapore Airlines will mit diesen Flugzeugen ihre 2013 eingestellten Verbindungen von Singapur nach Los Angeles und New York wiederbeleben. Zur Zeit befliegt sie mit A350-900 unter anderem ihre Direktverbindung nach San Francisco.

Auch andere Fluglinien experimentieren mit diesen extrem langen Verbindungen. So fliegt die australische Fluggesellschaft Quantas seit kurzem mit einer Boeing 787-9 direkt vom australischen Perth nach London. Außerdem will Quantas innerhalb der nächsten fünf Jahre auch eine Verbindung von Sydney nach London anbieten. Airbus will die Machbarkeit mit einer AS350-900 ULR prüfen, denn selbst diesem Flugzeug fehlt für diese Strecke die Reichweite.

Die erste A350-900 ULR ist für Singapore Airlines bestimmt. Hier startet die Maschine von Toulouse aus zu ihrem Erstflug. (#2)

Die erste A350-900 ULR ist für Singapore Airlines bestimmt. Hier startet die Maschine von Toulouse aus zu ihrem Erstflug. (#2)

Der Weg zur A350

Der Airbus A350 ist ein zweistrahliges Langstreckenverkehrsflugzeug, mit dem Airbus das ältere Langstreckenflugzeug A340 ersetzen und gleichzeitig mit den Boeing-Typen 777 und 787 konkurrieren wollte. Die A350 ist der erste Airbus-Typ mit Rumpf- und Flügelstrukturen, die aus Kohlefaser-Verbundwerkstoffen (CFK) bestehen. Die Entwicklungsarbeiten an dem neuen Airliner begannen 2004. Ursprünglich wollten die Verantwortlichen lediglich die A330 modernisieren und mit neu konstruierten Flügeln ausstatten. Als Boeing jedoch seine 787 „Dreamliner“ herausbrachte, wurde der Entwurf ein erstes Mal überarbeitet, stieß aber bei den Airlines auf Kritik.

Airbus-Kunden kritisieren die ersten Studien für die A350

So forderte 2006 der Chef des Leasingunternehmens ILFC, Steven F. Udvar-Hazy auf einer Branchenkonferenz, Airbus solle anstelle einer weiterentwickelten A330 einen komplett neuen Flugzeugtyp für die Langstrecke bauen. Chew Choon Seng, damals Chef von Singapore Airlines, bemängelte den seit der A300 unveränderte und gegenüber der Boeing 787 zehn Zentimeter schmaleren Rumpfquerschnitt, der gegenüber der Konkurrenz zu geringerer Sitzkapazität und weniger Passagierkomfort führen würde.

Das waren gewichtige Stimmen. Singapore Airlines ist ein wichtiger Airbus-Kunde, und Leasingunternehmen wie ILFC kaufen weitaus mehr Flugzeuge als die eigentlichen Fluggesellschaften, die die Flugzeuge dann von diesen Unternehmen übernehmen. Airbus nahm nun also drastische Änderungen vor. Das neue Flugzeug erhielt einen breiteren Rumpf, neue, komplett aus Verbundwerkstoffen hergestellte Flügel und stärkere Triebwerke, die für eine höhere Reisegeschwindigkeit sorgten. Die A350-Familie sollte nun aus drei Versionen mit 250 bis 350 Plätzen bestehen, also aus der A350-800, der -900 und der -1000 als größter Version. Die A350-1000 sollte in direkte Konkurrenz zur Boeing 777-300ER treten. Das Flugzeug wurde nun als „A350 XWB“ für „Extra Wide Body“ auf der Luftfahrtmesse in Farnborough 2006 angekündigt.

Die erste A350-900 für Philippines Airlines beim Start in Toulouse. (#3)

Die erste A350-900 für Philippines Airlines beim Start in Toulouse. (#3)

A350-Entwicklung wird durch Probleme anderer Airbus-Programme gebremst

Allerdings musste das Programm eine weitere Hürde nehmen, weil es in die Turbulenzen um die Probleme bei den Entwicklungsarbeiten für die A380 und den Militärtransporter A400M geriet. Der offizielle Programmstart wurde mehrfach verschoben, wodurch sich auch die Termine für den Erstflug und die Indienstellung verzögerten. Erschwerend kam hinzu, dass Airbus die Finanzierung nach Konflikten mit der WTO gänzlich ohne Staatsbeihilfen leisten musste.

Die World Trade Organization hatte moniert, dass Airbus im Gegensatz zum Konkurrenten Boeing staatliche Zuschüsse bekam und darin eine unzulässige Wettbewerbsverzerrung gesehen.Außerdem gab Airbus bekannt, dass das Unternehmen als erstes die A350-900 ausliefern werde, nicht die A350-800 wie ursprünglich geplant.

Airbus A350 durchläuft erfolgreiches Testflugprogramm

Der erste A350-900-Prototyp startete dann am 14. Juni 2013 von Toulouse aus zum Erstflug. Darauf folgte ein zunächst 2500 Stunden umfassendes Testflugprogramm. Airbus baute insgesamt fünf Prototypen. Im Februar 2014 begannen dann die Testflüge zur Feststellung der Langstrecken- und Flughafentauglichkeit, Mitte des Jahres die ersten Flüge mit Passagieren. Im Juli und August 2014 folgte eine weitere Testflugserie, dieses Mal ebenfalls mit Passagieren auf ausgewählten Strecken, die die Serienmaschinen später bedienen würden.

Im Bild ein Winglet an der Flügelspitze einer A350-900 von Iberia. Winglets sorgen für eine bessere Seitenstabilität, verringern den Luftwiderstand und verbessern so den Gleitwinkel sowie die Steigzahl bei niedriger Geschwindigkeit. (#4)

Im Bild ein Winglet an der Flügelspitze einer A350-900 von Iberia. Winglets sorgen für eine bessere Seitenstabilität, verringern den Luftwiderstand und verbessern so den Gleitwinkel sowie die Steigzahl bei niedriger Geschwindigkeit. (#4)

Die europäische Musterzulassung erhielt die A350-900 am 30. September 2014, die Zulassung durch die US-Flugaufsichtsbehörde FAA folgte am 12. November 2014. Kurz vor Weihnachten, am 22. Dezember 2014, lieferte Airbus dann die erste A350-900, einen der Prototypen, an Qatar Airways aus. Qatar nahm mit diesem Flugzeug dann am 15. Januar 2015 den Liniendienst auf.

Airbus A350-Familie im Liniendienst

Allerdings bleibt die A350-800 bisher nur ein Konzept, produziert werden die beiden größeren Varianten. Mittlerweile fliegen 19 Fluggesellschaften in aller Welt mit der A350-900 oder der größeren Variante A350-1000, darunter Air Caraibes, Cathay Pacific, China Airlines, Delta Airlines, die Lufthansa, Qatar Airways und Singapore Airlines. Insgesamt stehen 154 Flugzeuge im Liniendienst. Bei der Lufthansa sind es acht Maschinen. Über die meisten Flugzeuge verfügen Singapore Airlines mit 21 Flugzeugen und Qatar Airways mit 22 Maschinen. Zum 1. Juni 2018 waren 172 von 847 bestellten Flugzeugen ausgeliefert.


Bildnachweis: ©Airbus

Über Friedrich List

Mein Beruf ist das Schreiben; ich arbeite als freier Journalist, Texter und Buchautor. Das reicht für Leben und Modellbau, also auch für das eigentliche Leben. Beruflich wie als Modellbauer interessiert mich die Luftfahrt, speziell die der großen Luftfahrtländer. Ich baue auch gerne mal etwas, das aus dem Rahmen fällt. Hauptantriebskräfte: Neugier, Kaffee und ein guter Witz.

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