Dream Chaser: eine Raumfähre für Europa?

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Bislang sieht es nach dem Ende des amerikanischen „Space Shuttle“-Programms so aus, als seien Russland und China die einzigen Nationen mit einem eigenen Zugang zum Weltraum. Die europäische Raumfahrt und auch die US-Raumfahrt sind auf die russischen „Sojus“-Schiffe angewiesen, um die Internationale Raumstation ISS zu versorgen und Astronauten in den Weltraum zu bringen.

Der „Dream Chaser“

Der erste Prototyp im Bau. Im Hintergrund der technische Versuchsträger für Avionik-Experimente. (#1)

Der erste Prototyp im Bau. Im Hintergrund der technische Versuchsträger für Avionik-Experimente. (#1)

Der „Dream Chaser“ geht auf ein privates Entwicklungsvorhaben der US-Firma SpaceDev aus dem Jahre 1998 zurück. Das Unternehmen arbeitete mit geringen Mitteln an einem Raumgleiter, der an der Spitze einer Trägerrakete in den niedrigen Erdorbit fliegen und wie ein Flugzeug wieder landen sollte. Der Raumgleiter ist 9 Meter lang und hat eine Flügelspannweite von sieben Metern. Er wiegt neun Tonnen und kann bis zu sieben Personen befördern. Nach den Vorstellungen seiner Konstrukteure soll der „Dream Chaser“ Fracht zur ISS oder eine Nutzlast in eine Erdumlaufbahn befördern. Außerdem soll er auch als eigenständige Missionsplattform für mehrere Tage im All bleiben können. Im Gegensatz zum „Space Shuttle“ ist er nicht auf speziell ausgebaute, überlange Pisten angewiesen, sondern kann auf jedem Verkehrsflughafen landen.

Neue Impulse: SNC steigt ein

Künstlerische Darstellung des Starts an der Spitze einer amerikanischen Atlas-V-Trägerrakete. Der „Dream Chaser“ sitzt unter einer Haube, die im erdnahen Weltraum abgeworfen wird. (#2)

Künstlerische Darstellung des Starts an der Spitze einer amerikanischen Atlas-V-Trägerrakete. Der „Dream Chaser“ sitzt unter einer Haube, die im erdnahen Weltraum abgeworfen wird. (#2)

Das Projekt dümpelte über Jahre vor sich hin, bis die Sierra Nevada Corporation 2008 SpaceDev kaufte und Geld investierte. Die Sierra Nevada Corporation (SNC) ist ein eingeführter Technologie-Konzern mit einem Jahresumsatz von rund einer Milliarde US-Dollar. Eigentümer sind zwei türkischstämmige Amerikanerinnen, die Schwestern Eren und Faith Özmen. Nach einigen Rückschlägen wird „Dream Chaser“ nun auch von der NASA gefördert. Am 14. Januar 2016 gab die US-amerikanische Raumfahrtbehörde bekannt, dass sie SNC mit Frachtflügen zur ISS beauftragt hat. Zwischen 2019 und 2024 sollen mindestens sechs Flüge zur Internationalen Raumstation durchgeführt werden. Weitere Interessenten am „Dream Chaser“ sind die UNO und die europäische Weltraumagentur ESA.

Hier hat ein „Dream Chaser“ an der Internationalen Raumstation ISS angedockt. Am Heck ist das Lade- und Schleusenmodul zu erkennen, das wahrscheinlich in Europa produziert werden wird. Direkt hinter der Raumfähre befindet sich ein „Sojus“-Raumschiff. (#3)

Hier hat ein „Dream Chaser“ an der Internationalen Raumstation ISS angedockt. Am Heck ist das Lade- und Schleusenmodul zu erkennen, das wahrscheinlich in Europa produziert werden wird. Direkt hinter der Raumfähre befindet sich ein „Sojus“-Raumschiff. (#3)

Man mag es kaum glauben, aber die UNO hat tatsächlich ein eigenes Büro für Weltraumangelegenheiten, das United Nations Office of Outer Space Affairs (UNOOSA). Es ist nicht dazu da, mit Grauen Aliens zu telefonieren, sondern koordiniert die Weltraumaktivitäten der Weltorganisation. Im Juni 2016 schlossen also das UN-Büro und SNC ein Memorandum of Understanding für die ersten UN-Missionen im Weltraum. Sie sollen Entwicklungsländern die Möglichkeit geben, eigene Forschungen in der Schwerelosigkeit durchzuführen. Am 7. September 2016 gaben beide nähere Details bekannt. Die erste Mission der UNO soll 2021 starten und zwei Wochen im Erdorbit bleiben. Jedes UN-Mitglied soll die Möglichkeit haben, eigene Experimente an Bord zu bringen.

Perspektiven für die europäische Raumfahrt?

Auch eigenständige Missionen sind möglich. Die Nutzlast wäre im Frachtmodul am Heck untergebracht. (#4)

Auch eigenständige Missionen sind möglich. Die Nutzlast wäre im Frachtmodul am Heck untergebracht. (#4)

Europa hat schon länger ein Interesse am „Dream Chaser“. Frühere Projekte für Raumfähren scheiterten an der Finanzierung, so die Raumfähre „Hermes“, die an der Spitze einer Ariane-Rakete starten sollte, oder der zweistufige „Sänger“-Raumtransporter. Das „Sänger“-System bestand aus einem Trägerflugzeug und einer Raumfähre; es hätte konventionelle Flugplätze benutzen können und wäre vollständig wiederverwendbar gewesen.

Beladung eines Dream Chasers. (#5)

Beladung eines Dream Chasers. (#5)

Am 11. Oktober 2016 unterzeichneten die ESA, SNC, das deutsche Raumfahrtunternehmen OHB und die italienische Telespazio ein ‚Memorandum of Understanding“, um die Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit des „Dream Chasers“ zu bewerten. Ziel ist eine europäische Variante, die mit der Trägerrakete Ariane 5 ins All starten kann. Die Vereinbarung ging aus einer Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt hervor, die das DLR 2013 begonnen hatte.

Die ersten Flugtests absolvierte die Raumfähre am Lasthaken eines Hubschraubers. (#6)

Die ersten Flugtests absolvierte die Raumfähre am Lasthaken eines Hubschraubers. (#6)

Der Entwurf basiert auf einem Raumgleiter aus den Achtziger Jahren, der die damals geplante US-Raumstation „Freedom“ versorgen sollte. Erste Triebwerkstests und Versuche mit einem Flugmodell im Maßstab 1/7 haben 2010 stattgefunden. Im Mai und August 2013 folgten Rollversuche mit einem echten Prototypen, und inzwischen hat SNC auch Gleitflüge durchgeführt.

Im Oktober 2013 machte der Protoyp beim NASA-Zentrum Dryden einen ersten Gleitflug. Das Dryden Flight Resarch Center (2016 umbenannt in Neil A. Armstrong Flight Reserach Center) ist für den Testflugbetrieb der NASA verantwortlich und liegt am selben ausgetrockneten Salzsee wie die Edwards AFB, das Testzentrum der amerikanischen Luftwaffe.  (#7)

Im Oktober 2013 machte der Protoyp beim NASA-Zentrum Dryden einen ersten Gleitflug. Das Dryden Flight Resarch Center (2016 umbenannt in Neil A. Armstrong Flight Reserach Center) ist für den Testflugbetrieb der NASA verantwortlich und liegt am selben ausgetrockneten Salzsee wie die Edwards AFB, das Testzentrum der amerikanischen Luftwaffe. (#7)

Der fertige Raumgleiter soll sich dann für ein Vielzahl von Aufgaben eignen – von unbemannten Versorgungsflügen über eigene Missionen im Weltraum bis hin zu bemannten Flügen. Die würden nicht nur Flüge zur ISS umfassen, sondern auch Satellitenreparaturen oder die Beseitigung von Weltraumschrott.


Bildnachweis: © #1 + #2 + #3 + #4 + #5 + #6 – Sierra Nevada Corpration, Titelbild + #7 NASA

Über den Autor

Friedrich List

Mein Beruf ist das Schreiben; ich arbeite als freier Journalist, Texter und Buchautor. Das reicht für Leben und Modellbau, also auch für das eigentliche Leben. Beruflich wie als Modellbauer interessiert mich die Luftfahrt, speziell die der großen Luftfahrtländer. Ich baue auch gerne mal etwas, das aus dem Rahmen fällt. Hauptantriebskräfte: Neugier, Kaffee und ein guter Witz.

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